Eine Castingshow mit Gesangstalenten – wahrlich nichts Neues im deutschen Fernsehen. Warum also sollte es diesmal anders sein? Es werden gute Sänger kommen. Und schlechte. Man wird über manche staunen, über viele lachen. Und am Ende gibt es einen Sieger, an den man sich schon bald nicht mehr erinnern wird. Es sei denn, er schafft es noch ins Dschungelcamp bei RTL. Doch dann kam alles anders. Weil es bei „The Voice of Germany“ plötzlich um Qualität ging. Und weil das Gefühl des Fremdschämens Platz machen musste für die Gänsehaut.
Ja, ich gebe es zu: The Voice of Germany? Ich hatte keine Lust drauf. Schon wieder so eine Castingsache mit Gesangstalenten? Muss das sein? Gibt es davon nicht schon genug? Als ob sie mir nicht auch aufgefallen wären, die Talente, die teilweise schon an der zweiten oder dritten Castingshow teilnehmen. Ja, ich habe sie gesehen und mich gefragt: Was machen die eigentlich beruflich – außer sich bei diesen Sendungen zu zeigen.
Und dann habe ich doch eingeschaltet. Aus zwei Gründen. Die Musik von Xavier Naidoo kann ich mir stundenlang anhören. Das hat Substanz, das hat für mich Wertigkeit – und es hat einen Inhalt. Und Nena steht ja sowieso außer Frage, hey, mit ihrer Musik bin ich aufgewachsen. Wenn also solche Künstler sich freiwillig in eine Castingjury setzen, dann läuft da irgendwas anders. Der zweite Grund? Das Konzept klang spannend. Die Jury sieht die Künstler nicht, sondern hört nur die Stimmen. Sollte es hier tatsächlich nur um das reine Gesangstalent gehen? Komm, einmal kannst du es dir anschauen, dachte ich mir. Verpasst habe ich seither keine einzige Sendung.
The Voice of Germany hat für mich Gesangstalente ausgekramt, die mich berührt haben. Mit ihrer Musik. Nicht mit ihrer mitreißenden und vielleicht traurig-bewegenden Lebensgeschichte. Nein, einfach nur mit ihrer Stimme. The Voice of Germany macht mir Spaß, weil bewusst darauf verzichtet wird, Menschen zu verunglimpfen. Hier geht es nicht darum, auf Kosten anderer die Quote nach oben zu treiben. Keine übertriebene Theatralik, keine Sprüche unter der Gürtellinie – ich musste den Begriff Castingshow für mich neu definieren. Und auch im Umgang mit den Medien scheint man dazugelernt zu haben. Der kurzen Interviewanfrage folgte keine Stunde später der prompte Rückruf eines der Kandidaten der Show. Unkompliziert. Und ohne doppelten Boden. Wer selbst Qualität bietet, der braucht auch nicht zu befürchten, vom anderen Ende der Leitung unter Niveau verkauft zu werden.
Wer das Haar in der Suppe sucht, der findet es natürlich auch bei The Voice of Germany. Nena hat durchaus Phasen, in denen sie anstrengend ist. The Boss Hoss könnten gesanglich noch von so manchem Kandidaten etwas lernen. Rea Garvey ist manchmal einfach nur unf….ing fassbar. Und Xavier Naidoo liegt schon mal bei der Songauswahl daneben. Aber hey, geschenkt. Das nehme ich gerne in Kauf für die vielen Gänsehautmomente…
